Eine kleine Auswahl meiner Texte aus bz und BaZ. Bis jetzt hatte ich es mit verrückten Seebären, einem ungarischen Geschichtsverdreher, renitenten Dorfbewohnern sowie Hausbesetzerinnen zu tun - Aufzählung unvollständig.
Meine Arbeit
In ehemaligen Fabrikhallen der Chemieindustrie befindet sich seit rund vier Wochen die grösste Besetzung Basels. Seit Sonntagabend droht die Räumung – die Aktivistinnen und Aktivisten interessiert das wenig.
(mit Katrin Hauser)
Vor dem Eingang zu den drei besetzten Gebäuden im Klybeck sitzen ein paar Männer und diskutieren darüber, ob bereits ein Polizist das Gelände ausgekundschaftet hat. «Der eine Typ, den ich gesehen habe, der könnte schon ein Bulle sein», sagt einer. «Hmm», erwidert ein anderer.
Die Zone Autonome Culturelle Klybeck – abgekürzt Zack – existiert seit rund vier Wochen. Sie ist die vermutlich grösste Besetzung Basels seit der Alten Stadtgärtnerei 1986. Zu den Partys, die hier gefeiert werden, kommen Hunderte. Zu den Vollversammlungen, die jeden Tag abgehalten werden, erschienen anfangs bis zu hundert Personen, mehr als bei mancher Gemeindeversammlung. An diesem Montagnachmittag ist es ruhiger. Die Basler Polizei hat den Besetzerinnen und Besetzern ein Ultimatum bis Sonntagabend gestellt. Bisher ist noch nichts passiert.

Hier fanden an den Wochenenden Partys statt – die Paletten dienten als Bühne für Bands. (Foto: Nic Engel)
Gesellschaftliche Utopien im Zack
Wir treffen die Besetzerinnen Frida und Amy. Beide sind verkleidet und vermummt, selbst die Augen sind von dunklen Sonnenbrillen verdeckt. Sie treten unter Pseudonymen auf, weil sie rechtliche und berufliche Konsequenzen befürchten. Sie führen uns durch das besetzte Gelände, durch einen Innenhof, in dem ein Pool aufgebaut wurde, und leer stehende Fabrikhallen.
Die Fläche ist riesig. Die Wände sind mit Graffiti, Tags und Kritzeleien bedeckt. Beliebt sind «Free Gaza» und «Schisslife». Überall liegt Schutt herum. Viele würden den Ort als unwirtlich empfinden. Doch genau das Improvisierte, Raue, Unfertige der Räume schätzen die Besetzerinnen und Besetzer des Zacks. «Freiräume», nennen sie das. Ein Freiraum für Kunst und Kultur, aber auch gesellschaftliche Utopien.
Hie und da hängen Plakate mit Awareness-Konzepten. Wenn es Konflikte im Zack gibt, etwa an einer Party, soll keine Polizei kommen. Einer der Grundsätze, so Amy, laute: «Cops und Faschos haben hier keinen Platz.»
Verbrechen oder Übertretungen, so die Theorie, sind primär Ausdruck gesellschaftlicher Missstände. «Wenn ein Mann sexualisierte Gewalt ausübt, ist das nicht das Problem dieses einen Mannes, sondern unserer patriarchalen Gesellschaft als ganzer», sagt Frida.

Der Pool im Hof hat am Montagnachmittag eine giftgrüne Farbe – vermutlich Lebensmittelfarbe. (Foto: Nic Engel)
Strafen werden abgelehnt. Stattdessen biete man sowohl übergriffigen Personen wie auch betroffenen Personen Hilfe an, um «nachhaltige Veränderungen zu erzielen und sich nicht durch Strafen in Gewaltspiralen einzureihen».
Konflikte sollen im und durch das Kollektiv gelöst werden. An einer Party sei es beispielsweise vorgekommen, dass die Gemeinschaft eine Person, die sich danebenbenommen habe, aufgefordert habe, das Gelände zu verlassen. Es sind Konzepte wie das der transformativen Gerechtigkeit, die man hier leben will – ohne Gefängnisse, ohne «Gewalt mit Gewalt zu bekämpfen.»
Ob das im Ernstfall funktioniert? Die Berner Reitschule, in der ähnliche Konzepte angewendet werden, musste schon mehrfach eine Zeit lang schliessen. Die Sicherheit der Gäste konnte nicht mehr gewährleistet werden.
Debatte ums Klybeck ist eigentlich gelaufen
Zu wirklich handfesten Konflikten ist es gemäss Amy und Frida im Zack bisher aber nicht gekommen. Das Kulturzentrum hat eine bunte Mischung an Leuten angezogen. Unter Schülerinnen und Studenten mischen sich Künstler, Sans-Papiers, Altlinke mit Besetzernostalgie und Quartierbewohnerinnen, die der Aufwertung des Klybecks mit Skepsis und Angst entgegensehen.
Lange Zeit verhielt sich die linksautonome Szene erstaunlich still, was die Aufwertungspläne im Klybeck («Klybeckplus») betrifft. Abgesehen von ein paar Schmierereien – «Klybeckminus!» – an den Mauern war kaum etwas zu sehen.

Das Modell zeigt, wie das Klybeckareal künftig aussehen könnte. (Foto: Pino Covino)
Der politische Aushandlungsprozess um das 30 Fussballfelder grosse Areal, auf dem früher die Basler Chemie zu Hause war, ist eigentlich fast abgeschlossen. Ein neues Stadtviertel soll entstehen – mit Geschäften, Bürogebäuden, Schulen, Kitas und Wohnungen für 8500 Menschen.
Ein Drittel dieser Wohnungen muss gemeinnützig gebaut und zu günstigen Konditionen vermietet werden. Das heisst: fast ohne Gewinn. Dies ist der Kompromiss, den die Grundeigentümerinnen Swiss Life und Rhystadtmit dem aufwertungskritischen Verein Zukunft.Klybeck und den linken Parteien Basels gefunden haben.
«In der Logik der Politiker und Investoren sind wir zu spät. In unserer Logik sind wir genau richtig», sagt Frida. «Wenn Firmen aus Wohn- und Kulturraum oder Boden Profit schlagen wollen, dann ist kein Vertrauen vorhanden, dass gemeinnützige, erschwingliche Flächen entstehen.»
Das Zack als Gegenentwurf zu Kommerz und Konsum
Im Zack, so hat man den Eindruck, geht es jedoch nur am Rande um die Wohnraumdebatte. Vielmehr wollen die Leute, die sich hier eingerichtet haben, einen Ort, an dem sie sich verwirklichen können, fernab von Kommerz und Konsum, fernab des durchreglementierten Alltags.
Wenn der Wasserhahn tropft, weiss jemand, wie man ihn repariert. Leute, die etwas vom Handwerk verstehen, haben Türen installiert und draussen Toiletten aufgebaut. Es wirkt wie ein Versuch, der entfremdeten, modernen Welt etwas entgegenzusetzen. Wobei die Besetzer vom Wasser und der Infrastruktur ebendieser modernen Welt mit grosser Selbstverständlichkeit profitieren.

Zahlreiche Schriftzüge und Graffiti zieren die Wände des Zack. (Foto: Nic Engel)
Jeder könne sich einbringen, sagen Amy und Frida. Meist werde an den Vollversammlungen geklärt, welche «Bedürfnisse» bestünden, und dann erklärten sich Freiwillige bereit, diese zu erfüllen. Die restliche Aufgabenteilung ist ebenfalls fliessend, jeden Tag kocht jemand anderes – es gibt immer mittags und abends Gratismahlzeiten – selbst die Ansprechpersonen für die Medien wechseln.
Trotzdem, eine Idylle ist das Zack nicht. Kürzlich wurden an einer Party Fenster eingeschlagen und weitere Infrastruktur zerstört. «Das haben wir nicht verstanden und hat uns sehr traurig gemacht», sagt Amy und meint dann: «Wir haben hier keine heile Welt, wir haben auch Auseinandersetzungen. Wir versuchen einfach, sie anders zu lösen.»
Wie lange das Zack noch Bestand hat, ist unklar. Die Swiss Life hält auf Anfrage fest, eine Sperrung des Areals sei unumgänglich, «um die Sicherheit vor Ort zu gewährleisten und eine Gefährdung von Personen auszuschliessen». Dies habe sie den Besetzern sowohl mündlich wie auch schriftlich mitgeteilt. Auch hat die Swiss Life Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und Sachbeschädigung eingereicht.
Die Leute hinter dem Zack interessiert das wenig. Selbst wenn das Areal geräumt werde, seien sie bereit für die nächste Besetzung, sagen Amy und Frida.
