Meine Arbeit

Eine kleine Auswahl meiner Texte aus bz und BaZ. Bis jetzt hatte ich es mit verrückten Seebären, einem ungarischen Geschichtsverdreher, renitenten Dorfbewohnern sowie lärmig-rumpelnden Trams zu tun - Aufzählung unvollständig.

Das Bachletten-Neubad wehrt sich – «Akzeptieren nicht einfach unser Schicksal»

Das Bachletten-Neubad wehrt sich – «Akzeptieren nicht einfach unser Schicksal»

Donnerstag, Februar 26, 2026 Bachletten-Neubad Basel Basler Zeitung

Unterflurcontainer, Begrünung, Asylheim mit Spielplatzverbot: Im gutbürgerlichen Westen Basels rumort es immer wieder. Warum ist das so?

Das Bachletten-Neubad liegt fernab des Lärms. Ruhig ist es hier, und grün. In den historischen Wohnhäusern des Bachletten und den charakteristischen Reihenhäuschen des Neubad lebt der Mittelstand – auch der gehobene, versteht sich. Die Sozialhilfequote ist tief, der Ausländeranteil überschaubar, das Medianeinkommen über dem Basler Durchschnitt: Hier scheint die Welt noch in Ordnung zu sein.

Doch seit geraumer Zeit gibt es Ärger im Paradies.

Das Asylheim im ehemaligen Hotel Balegra, inklusive vorübergehendem Spielplatzverbot für Flüchtlinge, der Unmut über die Begrünung und den Parkplatzabbau an verschiedenen Quartierstrassen, und schliesslich, als Pièce de Résistance, der Aufruhr wegen der Unterflurcontainer: Das Quartier übt sich im Widerstand.

Böse Zungen würden behaupten, hier regt sich die gutmittelständische Anwohnerschaft über Kleinigkeiten auf. Über «First world problems», wie es zu Neudeutsch heisst. Die BaZ hat die drängendsten Zankäpfel genauer angeschaut, geht der Frage nach: Ist das Bachletten-Neubad ein Zufluchtsort quengelnder Bürger?

1. Unterflurcontainer

Wurzel allen Übels: Unterflurcontainer, hier in der Benkenanlage. (Foto: Pino Covino)

Peter Fankhauser vom Neutralen Quartierverein Bachletten-Holbein winkt ab. «Der Kanton ging davon aus, es mit dem Bachletten mit einem lieben Quartier zu tun zu haben», sagt er mit Blick auf das «Pilotprojekt» Unterflurcontainer. «Ein Quartier, in dem ordentliche bürgerliche Leute leben. Gebildet, rational, gutmütig.»

Im Allgemeinen stimme das auch, sagt Fankhauser mit einem Hauch Ironie. Aber es gebe die andere Seite: «Die Leute im Bachletten sind selbstsicher, sie sind es gewohnt, für ihre Rechte einzustehen. Sie haben die Mittel, und viele haben auch die Zeit dazu.» Wenn etwas so «quer kommt» wie die Unterflurcontainer, dann «sitzen diese Leute nicht einfach still zu Hause und akzeptieren ihr Schicksal».

«Anwohner sitzen nicht einfach still zu Hause und akzeptieren ihr Schicksal.» Barbara Widzgowski und Peter Fankhauser vom Quartierverein Bachletten-Holbein. (Foto: Dominik Plüss)

In der Tat: Der Widerstand gegen die Container, von manchen Anwohnern auch als «moderner Gesslerhut» bezeichnet, war gross. Vor dem Pilot hagelte es 89 Einsprachen, es gab eine Petition, die sich für den Erhalt der Müllabfuhr einsetzte, parallel zu den Containern. Eine Infoveranstaltung in der Pauluskirche verlief turbulent, die Verantwortlichen des Bau- und Verkehrsdepartements (BVD) waren wegen Zwischenrufen und höhnischen Gelächters teilweise kaum zu hören, wie die  «bz Basel» berichtete.

Offenbar gehört auch diese Gehässigkeit zur «anderen Seite». Nebst nachvollziehbaren Argumenten, etwa dass die Container für ältere Menschen zu weit entfernt seien, hört man auch Absurditäten: An der Infoveranstaltung befürchtete jemand, dass Kinder durch die Klappe in einen Container fallen könnten.

Fankhauser meint, dass die Emotionen derart hochgingen, sei «eher ungewöhnlich». Man will es ihm und seiner Vorstandskollegin Barbara Widzgowski durchaus abnehmen. Sie empfangen die BaZ in der wohnlichen, mit alten Möbeln ausgestatteten Stube Fankhausers und wirken eher kultiviert als wütend.

Widzgowski sagt: «Viele Leute im Quartier sind eigentlich gar nicht gegen die Container. Es ist die Art und Weise, wie es umgesetzt wurde.» Sogar im Quartierverein, der sich nicht gegen die Container einsetze, habe man den Eindruck, dass das BVD das Projekt gegen alle Widerstände durchstieren wolle.

2. Mehr Bäume, weniger Parkplätze

An der Marschalkenstrasse plant das BVD Begrünungen und die Aufhebung von Parkplätzen. (Foto: Pino Covino)

Diese Kritik übt sie auch in Bezug auf die Begrünungsmassnahmen an verschiedenen Quartierstrassen im Bachletten, bei der zudem Parkplätze aufgehoben werden sollen. «Wir sind nicht gegen Begrünung, aber man hätte das Ganze demokratischer gestalten sollen», sagt Widzgowski. Man habe von den Plänen aus dem Kantonsblatt erfahren.

Grundsätzlich kritisiert der Verein, dass die falschen Strassen für Begrünung ausgewählt worden seien. «Dort gibt es schon viele Bäume und begrünte Vorgärten», sagt Fankhauser. An anderen Strassen im Quartier bestehe grösserer Handlungsbedarf. «Dass sich da die Leute vom BVD gegängelt fühlen, kann ich nachvollziehen.» Er befürchtet, dass es deswegen wieder viele Einsprachen geben wird – wie schon bei den Unterflurcontainern.

«Wir haben abendelang am Mitwirkungsgesetz mitgearbeitet, das eine demokratischere Umsetzung solcher Projekte bewirken soll», fügt Widzgowski an. Doch nun sei man quasi vor vollendete Tatsachen gestellt worden.

Die Sozialhilfe hatte das ehemalige Hotel Balegra an der Spitze des Dreiecks aufgekauft und dort im März ein Asylheim für 20 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) eingerichtet. (Foto: Pino Covino)

Auch im Neubad, dem anderen Quartierteil, sahen sich die Anwohner im Dreieck zwischen Laupenring und Reiterstrasse vor vollendete Tatsachen gestellt. Die Sozialhilfe hatte das ehemalige Hotel Balegra an der Spitze des Dreiecks aufgekauft und kündigte an, dort ein Asylheim für 20 unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMA) einzurichten.

Das Dreieck ist typisch Neubad – zwei- bis dreistöckige Reihenhäuschen, mit hübschen Gärten gegen den Innenhof. In der Mitte befindet sich ein Spielplatz, zu dem alle Liegenschaften Zugang haben, also auch die Asylbewerbenden.

An der Infoveranstaltung rumorte es – ähnlich wie in der Pauluskirche. «In unmittelbarer Nähe gibt es Kitas und Kindergärten, wir halten nichts von dieser Idee.» So äusserte sich ein Anwohner gegenüber dem «SRF-Regionaljournal». Bei vielen nahmen die Ängste derart überhand, dass der Spielplatz für die Asylbewerbenden gesperrt wurde.

Unter den Anwohnern bildete sich das «Komitee für ein sicheres und wohnliches Neubad». Wie Anwohner und Alt-GLP-Grossrat Emmanuel Ullmann, der im Vorstand sitzt, betont, sei man weniger wegen des Asylheims besorgt gewesen, sondern mehr wegen der Frage, «was danach kommt». Infrage kommen könnte nämlich ein Heim für Suchtkranke. «Das passt nicht in eine Strasse, in der viele Familien leben.»

Für Kritiker – auch aus der Politik – ist diese Haltung typisch «Nimby», ein Akronym für «Not in my backyard», was so viel heisst wie «nicht in meinem Hinterhof». Eine privilegierte Schicht wolle sich nicht der Verantwortung stellen; ja, sie stelle die minderjährigen Asylsuchenden unter Generalverdacht, so der Vorwurf.

Dieser scheint nicht ganz aus der Luft gegriffen zu sein, befinden sich doch gerade grössere Asylheime im weniger wohlhabenden Kleinbasel oder im Gundeli. Und auch jene Standorte, die Schwierigkeiten bereiten – so etwa das Bundesasylzentrum in Kleinhüningen –, befinden sich weit weg vom ruhigen Basler Westen.

Ullmann entgegnet, dass es nebst aller Skepsis auch Anwohner gegeben habe, die sich positiv zum Asylheim und zu den Neuzuzügern geäussert hätten. «Ich kann nicht für alle sprechen. Aber mit Blick auf die Kriminalitätsstatistiken kann ich gewisse Ängste verstehen», sagt er über jene, die es weniger positiv sahen.

Andererseits räumt er ein, dass es seit dem Einzug der Asylsuchenden keine Probleme gegeben habe. Selbst das Spielplatzverbot für die Jugendlichen wurde wieder aufgehoben.

«Entscheidend ist, was danach kommt», wiederholt er. Eine quartierverträgliche Nutzung wäre gemäss Ullmann, wenn «beispielsweise geflüchtete Familien einziehen würden». Falls es aber keine weitere Nutzung mehr gebe, würde er es «begrüssen», wenn die Sozialhilfe das Gebäude wieder «abstossen» werde – also verkaufen.

4. Wie auf dem Dorfe

«Vielleicht muss man erst einmal Lärm machen, um wahrgenommen zu werden», sagt Tina Jaeger vom Quartierverein. «Wie von Anwohnern gewisse Barrieren eingefordert sind, ist mir dennoch etwas voreilig vorgekommen», sieht es Alt-EVP-Grossrat Christoph Wydler kritischer. (Foto: Kostas Maros)

Ist der Aufschrei um das Asylheim nun Hypersensibilität der Einwohner oder einfach gelebte Demokratie? «Im St. Johann regen sich die Leute wohl nicht weniger auf», sagt Alt-EVP-Grossrat Christoph Wydler, Präsident des Neutralen Quartiervereins Neubad.

«Aber sie wissen weniger, wie sie aktiv werden können, an wen sie sich wenden müssen.» Interessant sei indes, dass zur «Bündelung der Beschwerden flugs ein neuer Verein gegründet» werde – das sei wohl typisch Neubad.

«Gibt es im Quartier wirklich mehr Reklamationen als in anderen Quartieren?», fügt seine Vorstandskollegin Tina Jaeger an. «Dazu würde ich gern eine Statistik sehen.» Sie ist der Ansicht: «Vielleicht muss man erst einmal Lärm machen, um wahrgenommen zu werden. Danach kann man das Problem diskutieren – und auch Vorurteile ausräumen.»

Wydler sieht es kritischer. Zwar könne er gewisse Sorgen nachvollziehen. «Wie von Anwohnern gewisse Barrieren eingefordert sind, ist mir dennoch etwas voreilig vorgekommen. Warum sollten wir als Quartier nicht auch unseren Beitrag leisten?»

Typische Neubad-Szenerie: Reihenhäuser an der Oberalpstrasse. (Foto: Dominik Plüss)

In der Diskussion wird klar: Im Neubad möchten die Menschen nicht abnicken, sondern mitdiskutieren. «Das gehört hier zum Selbstverständnis der Leute», sagt Jaeger. Das gilt wohl auch für das Bachletten.

Das Engagement erinnert an Gemeindeversammlungen im Dorf. Das Viertel habe ja etwas Dörfliches, findet Jaeger. Die Wege seien kurz, die Nachbarschaft im grünen Reihenhausquartier offen und gemischt.

Gemeindeversammlungen sind genauso Wiege der Demokratie wie Nonsense-Sprechstunde. Auch im Neubad oszilliert die Debatte zwischen berechtigten Sorgen und kleinen Aufregern, die Ressentiments befeuern. «Ein Anwohner beschwerte sich bei mir, weil ein Jugendlicher – angeblich ein Asylsuchender – auf dem Trottoir mit einem E-Scooter fuhr», erzählt Wydler.

Und so ist es eine Melange aus Banalitäten und handfesten Anliegen, die das Quartier umtreibt. Vielleicht kann man sich das hier, fernab vom Lärm der Stadt, noch eher leisten. Solange das Bachletten-Neubad ein Paradies bleibt, wird es auch Ärger geben.

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