Meine Arbeit

Eine kleine Auswahl meiner Texte aus bz und BaZ. Bis jetzt hatte ich es mit verrückten Seebären, einem ungarischen Geschichtsverdreher, veganen Studentinnen sowie lärmig-rumpelnden Trams zu tun - Aufzählung unvollständig.
Der Gemeindepräsident, der gar nie wollte, hat genug

Der Gemeindepräsident, der gar nie wollte, hat genug

Sonntag, November 2, 2025

Rolf Wirz ist Gemeindepräsident von Nusshof. Zweimal wurde er gewählt, zweimal hatte er nicht kandidiert. Eine «trumpmässige» Opposition nahm ihm die Lust am Amt.

Selbst für einen umtriebigen Menschen wie Rolf Wirz war es der dümmste Zeitpunkt. Im Sommer 2020 wählte ihn Nusshof in den Gemeinderat. Dabei hatte er gar nicht kandidiert – und Zeit hatte er schon gar nicht.

Im Februar hatte Corona die Schweiz erreicht. Eine Unmenge an Arbeit brach über Wirz herein. Jeden Tag studierte er Fallzahlen und Impfquoten, beantwortete unzählige Anfragen von Medien und aus der Bevölkerung. Wirz war damals Sprecher der Baselbieter Gesundheits- und Volkswirtschaftsdirektion und des kantonalen Krisenstabs.

Wollte er diese zusätzliche Belastung? Er bedang sich zwei Wochen Bedenkzeit aus. «Bis zum Abend zuvor wusste ich nicht, ob ich das wirklich will», erzählt er. Doch dann siegte das Pflichtbewusstsein.

«Wenn ich etwas tue, dann richtig», sagte er sich und bot sich als Gemeindepräsident an. Er sah sich als eine Art Krisenmanager, gerade wegen der finanziellen Schieflage Nusshofs. Wirz ahnte nicht, wie viele Nerven ihn dies noch kosten würde.

Nusshof ist zwar die drittkleinste Gemeinde im Baselbiet, aber vor allem dank Zuzügern wohlhabend.

Reich, aber keine Gemeinderäte

Nusshof hat 280 Einwohner und ist die drittkleinste Gemeinde im Kanton. Eine eigene Post, eine eigene Feuerwehr gibt es schon lange nicht mehr. Die Kinder gehen inzwischen ins benachbarte Wintersingen in die Primarschule. Der letzte Bus fährt unter der Woche um 18:40 Uhr. Und wer nicht Swisscom-Kunde ist, sitzt im Funkloch.

Hier, unweit der Sissacher Fluh, ist man für sich. Die Menschen leben in Nusshof, weil es so ruhig ist. Das Dorf liegt auf einer Anhöhe, umrandet von Wald und Hochstammbäumen. Die Aussicht geht hinaus bis ins Badische, wo friedlich die Windräder rotieren. Historische Bauernhäuser reihen sich an moderne Einfamilienhäuschen.

Nusshof wirkt wie die Definition von «strukturschwach» – ländlich, klein, kaum Arbeitsplätze. Doch die Gemeinde ist – eigentlich – wohlhabend. Hier leben eine Handvoll gute Steuerzahler, meistens Zuzüger. Seit den Nullerjahren ist das Dorf um rund 100 Personen gewachsen. Bis vor kurzem zahlte Nusshof noch in den kantonalen Finanzausgleich ein, ein Exot im Oberbaselbiet.

Aber Geld bringt noch kein Engagement. In der kleinen Ortschaft offenbart sich das kriselnde Milizsystem. Rund die Hälfte aller Gemeinden bekunden laut nationalem Gemeindemonitoring Schwierigkeiten, Personal für die Exekutive zu finden.

Gerade in kleineren Ortschaften werden häufig Leute gewählt, die eigentlich gar nicht wollen. In Nusshof ist dies fast schon die Regel. Wirz wurde 2020 und 2024 ins Amt gehievt, ohne kandidiert zu haben.

War er bei seiner ersten Wahl der einzige Nicht-Kandidat, waren es 2024 mit ihm zwei von dreien. Vor beiden Wahlgängen versuchte der Gemeinderat jeweils lange, Willige zu finden, allerdings mit wenig Erfolg.

«Trumpmässige» Opposition blockiert Gemeinderat

Rolf Wirz sitzt an der Theke der Nusshöfer Grapperia. Die kioskgrosse Bar im Dorfkern ist bis auf weiteres geschlossen, der Betreiber krank. Zuvor hatte sie jeden Freitag geöffnet. Es war eine der raren Ausgehmöglichkeiten Nusshofs.

Er möchte nicht jammern, macht gleich zu Beginn klar, er sehe sich nicht als «Opfer». Dennoch reichte die erste Legislatur, um ihm das Amt leidig zu machen.

Der hohe Zeitaufwand war es nicht – obwohl dieser laut Gemeindemonitoring am meisten vor einem Exekutivamt abschreckt.

Und obwohl Wirz kaum zur Ruhe kommt. Er ist Oberbaselbieter von echtem Schrot und Korn: Banntägler, Fasnächtler und Jäger, in diversen Vereinen aktiv. Inzwischen ist er stellvertretender Regierungssprecher und verantwortlich «für die Kommunikation der digitalen Transformation». Er habe schon immer viel um die Ohren gehabt, sagt er. Gestresst sei er nicht, «darunter leiden eher meine Partnerin und das Umfeld».

Nein, gemäss Wirz ist es etwas anderes: eine Gruppe, die wie Wirz sagt, mit «trumpmässigen Argumenten und Fake News» hantiert.

Am Nusshöfer Dorfplatz steht die Grapperia, die zurzeit geschlossen ist. Sie war eine der wenigen Ausgehmöglichkeiten Nusshofs.

In seiner bisherigen Amtszeit hätten sie sich «gegen alles» eingesetzt, sagt er. «Gegen höhere Steuern, gegen Tempo 30, gegen ein neues Abfallreglement, gegen den neuen Kreisschulvertrag, gegen die Auslagerung der Verwaltung ins benachbarte Wintersingen. Und zu allem Übel wird man noch als Pfeife dargestellt.» Kein Wunder, wolle niemand in den Gemeinderat

Wirz betont, er führe sein Amt eigentlich gerne aus. «Man ist direkt mit dem Leben, mit den Anliegen der Menschen konfrontiert.» Aber das «Reingrätschen» einiger Mitbürger, wie er es formuliert, brachte ihn zum Resignieren.

«Es kann nicht sein, dass jemand zweimal im Jahr an die Gemeindeversammlung kommt und dort falsche Behauptungen aufstellt. Vor allem, wenn man sonst nicht bereit ist, sich in der Politik zu engagieren», enerviert er sich.

Zuzüger und Clans in Nusshof

Es sind heftige Anschuldigungen. Eine einheitliche Gruppe scheint «die» Opposition nicht zu sein, obwohl es oftmals die gleichen Leute waren, die dem Gemeinderat in den vergangenen Jahren Kontra gaben: eine Handvoll älterer Herren, häufig zwar zugezogen, aber schon lange im Dorf wohnhaft und verwurzelt. Ein klares Programm besteht nicht; eine sparsame Finanzpolitik scheint noch am ehesten das Ziel zu sein.

Besonders wenn es um Steuerfragen ging, konnte die Gruppe die Gemeindeversammlung überzeugen. Bei trivialerem Stoff, etwa dem neuen Abfallwesen, gelang es dem Gemeinderat – teilweise erst nach zähen Diskussionen –, die Anwesenden auf seine Seite zu ziehen.

Redet man mit Exponenten der Gruppe, die zwar durchaus auskunftsfreudig sind, sich aber nicht zitieren lassen möchten, tönt es naturgemäss anders als bei Wirz. Auch wenn es manchmal emotional geworden sei, seien die Auseinandersetzungen mehrheitlich sachlich gewesen. Der Gemeinderat übertreibe. Und wenn er keine saubere Arbeit leiste, müsse man eben eingreifen.

Zur Frage, warum sich niemand in der Exekutive engagieren wolle, ist Verschiedenes zu hören. Mit der Gruppe habe dies nichts zu tun. Nusshof sei schlichtweg ein Schlafdorf. «Die vermögenden Zuzüger sind mit ihrer Arbeit schon genug ausgelastet. Sie ziehen hierher, um ihre Ruhe zu haben», sagt eine Person aus der Gruppe.

Dass man sich selber nicht engagiere, liege an persönlichen Umständen oder weil man dies in der Vergangenheit bereits getan habe, in Kommissionen beispielsweise.

Manches könnte aber auch einem Kafka-Roman entsprungen sein. Der Gemeinderat, ja das Dorf Nusshof werde von alteingesessenen Familien, von Clans, beherrscht, behauptet ein vor Jahrzehnten zugezogener Nusshöfer. Dagegen anzukommen, sei schwierig.

Finanzknatsch in Nusshof

Wirz erklärt sich die Opposition damit, dass es immer einfacher sei, «Nein zu sagen, als für etwas einzustehen». Und sicher habe ein Gemeinderat heutzutage weniger Autorität als zu früheren Zeiten. Für die Kritisierten hingegen ist das, was sie tun, schlichtweg Teilhabe an der Demokratie.

Pirmin Bundi, Politologe an der Universität Lausanne, kennt das Phänomen der Dorfopposition, das komme immer wieder vor. Grundsätzlich füge sich das Geschehen in Nusshof in aktuelle Trends ein: Die affektive Polarisierung nehme in der Politik zu, also das Misstrauen, ja Unwohlsein gegenüber anderen Gruppen. Eine Diskussion werde so fast unmöglich. Man könne das als Folge der Personalisierung durch klassische und soziale Medien deuten.

Pirmin Bundi ist Professor für Politikevaluation an der Universität Lausanne.

«In der Gemeindepolitik ist das besonders problematisch», sagt er. «Denn dort geht es in der Regel nicht um Identität, sondern konkrete Fragen, die gelöst werden müssen.»

Gleichwohl bleibt Bundi vorsichtig mit wissenschaftlichen Erklärungen zu Nusshof. In der Gemeindepolitik seien Politiker grundsätzlich exponierter, der Austausch mit der Bevölkerung sei nicht anonym, man könne rasch zum Buhmann werden. «Da kann sich schnell eine unheilvolle Dynamik entwickeln.»

Diese unheilvolle Dynamik lässt sich vor allem am Zank über die Finanzen nachvollziehen. Wie jede Gemeinde ächzt auch Nusshof unter steigenden Kosten bei Alter, Bildung und Sozialem. Das Dorf hat einen Bilanzfehlbetrag, es nimmt weniger ein, als es ausgibt.

Um das Budget wieder ins Lot zu bringen, spare die Gemeinde an allen Ecken und Enden, sagt Wirz. Aber ohne substanzielle Steuererhöhung gehe es nicht. Ein Bilanzfehlbetrag muss laut kantonalem Gesetz innert fünf Jahren abgebaut sein.

Mehrmals versuchte der Gemeinderat den tiefen Steuersatz von 57 auf 65 Prozent zu erhöhen – eine happige Zahl, aber so hätte der Fehlbetrag kurzfristig kompensiert werden können. Das gelang nur teilweise. Bis 2024 wurden die Steuern auf 62 Prozent erhöht, in zwei Anläufen.

Denkwürdig ist die hitzige, bis auf den letzten Platz besetzte Gemeindeversammlung von 2023, als Finanzdirektor Lauber versuchte, dem Dorf höhere Steuern schmackhaft zu machen – und kläglich scheiterte.

Der Widerstand gegen eine so krasse Steuererhöhung ist wohl wenig überraschend. Wirz stört sich aber daran, wie gegen einen höheren Steuerfuss argumentiert wurde.

Im Gemeindehaus in Nusshof finden die Gemeindeversammlungen statt.

Es ist ein Kampf der Zahlen, wie ihn viele Dörfer kennen. Bei komplexen Finanzgeschäften habe die Gruppe jeweils ihre eigenen Berechnungen und Zahlen präsentiert, erzählt er. Die könne man auf die Schnelle nicht überprüfen, aber «im Nachhinein stellten sich diese oftmals als falsch heraus». Ein Vorwurf, gegen den sich die Gruppe verwahrt.

Bei der Gemeindeversammlung vom Dezember 2021 kam es zum Zusammenstoss zwischen Gemeinderat und Opposition. Wirz prognostizierte düstere Finanzaussichten und stützte sich dabei auf Zahlen, die er von der kantonalen Finanzverwaltung erhalten hatte. Es brauche höhere Steuern.

Ein Kritiker aus dem Umfeld der Gruppe schätzte die Lage allerdings optimistischer ein. Die zu erwartenden Steuereinnahmen und Zahlungen aus dem Finanzausgleich hatte er mit Daten des Statistischen Amts, die er im Internet gefunden hatte, berechnet. Schlussendlich nahm die Versammlung eine Erhöhung von zwei Prozent an.

2026 soll für Rolf Wirz Schluss sein

Es sind Episoden wie diese, die Wirz ermüden liessen – obwohl er lange gewillt war, eine zweite Amtsperiode anzuhängen. «So hingestellt zu werden, als habe man keine Ahnung, ist mit der Zeit frustrierend. Warum machen sie es nicht, wenn sie es besser wissen?»

Vor den Wahlen 2024 erklärte er, nicht mehr anzutreten. Aber das Stimmvolk entschied anders. Es gibt eben doch einige Nusshöfer, die Wirz’ Arbeit schätzen.

Mit ihm wurde Ueli Michel, ein ehemaliger Gemeinderat, der ebenfalls nicht kandidiert hatte, gewählt. «Wenn ich nicht weitergemacht hätte, hätte er die Wahl auch nicht angenommen», erzählt Wirz.

Wirz war müde, fühlte sich aber dennoch verpflichtet: gegenüber jenen, die ihn gewählt hatten und der Gemeinde. «Ansonsten hätte dem Dorf Zwangsverwaltung gedroht.» Und ein wenig Freude bereitet ihm das Amt wohl doch.

Trotzdem reichte es ihm. Er kündigte an, Ende 2025 zurückzutreten. Später verschob er diesen Termin auf Mitte 2026 – so könne er noch die Jahresrechnung abschliessen.

Ausweglos scheint die Situation diesmal nicht, obwohl Gemeinderat Patrick Born seit Juli krankgeschrieben ist und vorübergehend nur zwei Sitze besetzt waren. Für Born konnte mit Denise Emili-Maurer eine Nachfolgerin gefunden werden.

Fehlt noch eine Nachfolge für Wirz. «Wir sind mit verschiedenen Personen im Gespräch», sagt er. «Man muss auf die Leute zugehen. Aufrufe im Gmeiniblatt bringen nichts.» Er versichert: «2026 trete ich zurück.»

Jemand anders muss die Verantwortung übernehmen.

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