Meine Arbeit

Eine kleine Auswahl meiner Texte aus bz und BaZ. Bis jetzt hatte ich es mit verrückten Seebären, einem ungarischen Geschichtsverdreher, renitenten Dorfbewohnern sowie Hausbesetzerinnen zu tun - Aufzählung unvollständig.

Vom Krawall zur Zwischen­nutzung: Wie Hausbesetzungen Basel nachhaltig verändert haben

Vom Krawall zur Zwischen­nutzung: Wie Hausbesetzungen Basel nachhaltig verändert haben

Samstag, Juli 11, 2026

Die Räumung des Zack im Klybeck reiht sich in eine lange Geschichte von Besetzungen in Basel ein. Doch was haben sie in der Stadt eigentlich ausgelöst?

Um vier Uhr morgens umstellt die Polizei das Gelände. Die Polizisten, die nicht nur aus Basel, sondern auch aus anderen Kantonen kommen, sperren das Areal weitläufig ab. Im Zack, der «Zone Autonome Culturelle Klybeck», hält sich bis auf zwei Besetzer, die sich auf dem Dach verschanzt haben, niemand mehr auf. Es ist der 2. Juli. Einen Monat zuvor haben die Aktivisten die ehemalige Fabrik in Beschlag genommen.

Die Räumung fällt rasch auf. Bald tauchen erste Medienschaffende auf. Hinter den Absperrungen versammeln sich Demonstranten, die sich mit den Besetzern auf dem Dach solidarisieren. Der Graue Block spielt auf Pfannen und einem Akkordeon eine schiefe Melodie.

Die Besetzer, eine Frau und ein Mann, harren fast zwei Tage aus. Noch ehe sie das Dach verlassen, zieht eine Demo mit 450 Teilnehmenden durch die Stadt. Es gibt Scharmützel mit der Polizei, das Rathaus wird verschmiert. Die Bürgerlichen sind enerviert, die Linke zeigt Verständnis. Die Stadt ist im Aufruhr.

Wieder einmal. Seit Ende der 70er-Jahre prägen Besetzungen Basel, und ebenso lange streitet man sich darüber, ob sie legitimer Protest oder rechtswidrige Aneignung sind. Doch jenseits des tagespolitischen Geplänkels stellt sich eine grundlegendere Frage: Wie haben Besetzungen die Entwicklung der Stadt beeinflusst?

Basels lange Geschichte von Besetzungen und Räumungen

Basel hat eine lange Geschichte von Besetzungen und Räumungen, von Barrikaden und Polizeiknüppeln. In den 70ern nahmen Aktivistinnen und Aktivisten zunächst einzelne Wohnhäuser in Beschlag. Die erste grosse Besetzung war 1981 das Autonome Jugendzentrum (AJZ) an der Hochstrasse, wo ein leer stehendes Postgebäude eingenommen wurde. Das AJZ wurde nach 80 Tagen von der Polizei aufgelöst, 141 Personen wurden festgenommen.

Legendär war auch die Alte Stadtgärtnerei (ab 1986), wo sich heutzutage der St.-Johann-Park befindet. Das Areal entstand, nachdem die Stadtgärtnerei ins Brüglinger Feld gezogen war. Erst handelte es sich um eine legale Zwischennutzung. Als der Vertrag auslief, wurde der Betrieb ab September 1987 als Besetzung weitergeführt. Die Polizei begann im Juni 1988 mit der Räumung. Mit einer Volksinitiative hatten die «Stadtgärtner» noch versucht, das Areal zu legalisieren, die Bevölkerung lehnte allerdings ab.

Hinter den Besetzungen steht und stand immer das Streben nach sogenannten Freiräumen – ein Ort, an dem alternative Kultur ihren Platz findet, an dem politische Alternativen gelebt oder zumindest diskutiert werden können. Ein Ort, frei von elterlicher Belehrung, frei von den Konventionen der bürgerlichen Gesellschaft.

Zwischen Besetzung und Politik in Basel

Einer, der ab den 70er-Jahren dabei war, ist Markus Ritter. Der 72-Jährige ist eine illustre Figur: Als junger Mann nahm er an den Protesten gegen das AKW in Kaiseraugst teil, inklusive Geländebesetzung. Er gehört zu den Gründungsmitgliedern der Grünen Alternativen Basel (inzwischen ist er ausgetreten). Der studierte Biologe war lange in der Verwaltung tätig und die rechte Hand des Soziologen Lucius Burckhardt.

Trotz seiner Verwurzelung im links-alternativen Milieu ist Ritter kein Anarcho. Mit seiner feinen, höflichen Art und dem leicht näselnden Baseldeutsch wirkt er gar eher bürgerlich – wäre da nicht das hippiemässige Hemd, das er beim Interview trägt.

Dass eine Stadt Freiräume braucht und dass man diese auch aneignen soll, ist für Ritter keine Frage – eher, wie dies vonstattengehen soll. Der ehemalige Grossrat unterscheidet klar zwischen Besetzungen und Zwischennutzungen. Für Letztere machte er sich ab Ende der 80er-Jahre stark. «Eine Besetzung, die nur kurze Zeit anhält, ist bloss ein Augenblick. Eine Zwischennutzung hingegen ist eine Lebensepoche, etwas, das Jahre dauern kann.»

Die Alte Stadtgärtnerei hat so einen Lebensabschnitt geprägt. Ritter, damals schon Grossrat für die Grünen, engagierte sich dort intensiv. Obwohl im rechtlichen Graubereich und formal eine Besetzung, zählt sie Ritter wegen ihrer Dauer und ihrer Bedeutung zu den Zwischennutzungen.

Die Stadtgärtnerei war ein Kulturzentrum, wie es die Stadt zuvor nicht gekannt hatte. Es gab eine Bar, eine Volksküche, hier fand viel alternative Kultur statt: Konzerte, Theateraufführungen, Kinoabende. Verschiedene Gruppen waren aktiv: Punks, Umweltschützer, Autonome, Künstler. In den Vollversammlungen versuchte man sich in basisdemokratischer Organisation.

«Man hat Leute aus verschiedensten Ecken getroffen und ist ins Gespräch gekommen», sagt Ritter. «Es war ein sozial attraktiver Ort.» Dass das Areal schliesslich geräumt wurde, sei eine «Wunde, eine Verletzung» gewesen, etwas, das aufgewühlt habe, sagt er.

Von der Besetzung zur Zwischennutzung

Historiker Dominique Rudin würde Markus Ritter mit seiner Unterscheidung zwischen Besetzungen und Zwischennutzungen wohl zustimmen. Sein Büro befindet sich im St. Johann, unweit vom «Elsi», einem besetzten Haus an der Elsässerstrasse. Rudin hat sich intensiv mit der linksalternativen Szene auseinandergesetzt. Darauf angesprochen, welche Auswirkungen Besetzungen gehabt haben, antwortet er mit einem Paradoxon: «Besetzungen waren vor allem dort erfolgreich, wo sie nicht stattgefunden haben.»

Während in den 80er-Jahren die Jugendbewegung vor allem mit verbaler und teilweise auch physischer Konfrontation ihre Freiräume erkämpfen wollte, gab es laut Rudin in den 90er-Jahren einen Wandel. «Da ging es dann mehr darum, kulturellen Freiraum zu finden, beispielsweise Künstlerateliers oder Ausstellungsräume.» In der Szene habe es immer zwei Pole gegeben: «Jene, die vor allem einen kulturellen und sozialen Freiraum wollten, und jene, die primär die politische Systemfrage stellten.»

Nachdem die Alte Stadtgärtnerei gescheitert war, suchten die Aktivisten nach Alternativen. Sie fanden sie unter anderem in der Schlotterbeck-Garage. Das Areal war einer der ersten legalen Freiräume, eine der ersten Zwischennutzungen. Sie markiert den Start in eine neue, «legale» Ära.

Basel nahm schweizweit eine Pionierrolle ein. Markus Ritter war Gründungsmitglied des Vereins Schlotterbeck, der mit der Eigentümerin, der Volksbank, verhandelte. «Wir hatten Glück. Bei der Bank gab es ein paar Leute, die sich mit uns an einen Tisch gesetzt haben. Sie hatten Sympathien für die Idee einer Zwischennutzung.»

In der Grossgarage entstanden Ateliers, Räume für Gewerbe, Gastronomie und kulturelle Veranstaltungen. «Tout Bâle kam zusammen», erinnert sich Ritter. Dass die Garage pünktlich der Volksbank habe abgegeben werden können, sei «sehr wichtig» gewesen, sagt er. «So konnte Vertrauen geschaffen werden.»

«Das ist vielleicht der Erfolg von Besetzungen», sagt Rudin dazu. «Sie machten der Gesellschaft bewusst, dass von Freiräumen die ganze Stadt profitieren kann – wegen des kulturellen Angebots, wegen des sozialen Miteinanders. Sie haben die Grundlage für Zwischennutzungen geschaffen.»

Wird heute ein Gebäude oder ein Areal frei, gibt es kaum einen Eigentümer, der die Fläche brachliegen lässt – auch aus wirtschaftlichen Gründen. Grosse Zwischennutzungen bestehen am Hafen oder auf dem Dreispitz, bestanden früher auf dem berühmten NT-Areal oder dem Lysbüchel. Mit dem Unternehmen «Unterdessen» hat sich die Vermittlung von Zwischennutzungen professionalisiert. Es ist eine Ironie der Geschichte: Der Kapitalismus hat selbst das Alternative für sich eingenommen.

Langeweile wegen Zwischennutzung?

Sehr rebellisch ist das natürlich nicht mehr. Ritter sieht das pragmatisch: Es brauche Organisation und Struktur, um Freiräume langfristig nutzen zu können. «Man muss vertragsfähig sein.»

Mangelnde «Vertragsfähigkeit» wirft Ritter indes den Leuten hinter dem Zack vor. «Mein Eindruck ist, sie wollten nicht mit Swiss Life reden.» Ritter spricht von einer «verurteilenden Distanzkommunikation», die die Aktivisten angewendet hätten – und meint damit wohl Verballhornungen wie «Schiss Life», die exemplarisch zeigen, wie wenig die Besetzer von der Versicherung halten.

Die Zack-Aktivisten gehen auf die Kritik nicht direkt ein, als die BaZ nachfragt. Direkten Kontakt mit der Swiss Life hat es offenbar nur mit einem Sicherheitsbeauftragten gegeben, ansonsten kommunizierte man brieflich. Die Besetzer und die Versicherer hätten einen «Austausch bezüglich Sicherheitsbedenken» gehabt, wie die Aktivisten schreiben – auf diese sei man eingegangen. Zur unfreundlichen Sprache sagen sie nichts.

Es passt zum Eindruck, die Zack-Leute gingen konfrontativ vor. Selbst nachdem das Areal geräumt worden ist, beharren sie auf Maximalforderungen: Immer noch fordern sie die «langfristige und vertragslose» Abtretung der drei Gebäude im Klybeck.

Der rebellische – und wenn man an die Demonstration denkt, durchaus gewalttätige – Geist des Zack entstehe wohl nicht ganz zufällig, meint Historiker Rudin. «Zwischennutzungen führen zu einer Art Befriedung. Die Stadt verhindert so Besetzungen. Andererseits haben manche aus der Bewegung das Gefühl, man verliere die Verbindung zu den eigentlichen Idealen oder es kämen immer die gleichen Leute zum Zug.»

Tatsächlich sehen die Aktivisten des Zack Zwischennutzungen nicht nur positiv. Die Swiss Life habe im Klybeck von «Zwischennutzungen strategisch Gebrauch gemacht», um «anhand kultureller und künstlerischer Projekte die Wertsteigerung voranzutreiben», wettern sie auf ihrer Website.

Die Zwischennutzung als alternatives Feigenblatt der Swiss Life, um noch mehr Profit zu machen? Es scheint, als wäre sie nur ein weiterer Ausdruck von «Machtverhältnissen in einer kommerzialisierten und verkapitalisierten Welt», wie in einem Statement der Aktivisten zu lesen ist. In diesen Verhältnissen werde ihrem «Streben nach einem guten Leben für alle kein Wert zugeschrieben», heisst es.

Es ist auch dieses Argumentarium, das Gewalt gegen Polizisten und Sachbeschädigungen legitimieren soll. Ebenso vergessen die Aktivisten – nicht nur jene des Zack – offensichtlich, dass der Kapitalismus mit seiner Wirtschaftskraft die Räume, die sie besetzt haben, erst geschaffen hat. Gleichzeitig treffen sie mit ihrer Kritik am überhitzten Wohnungsmarkt und an der möglichen Gentrifizierung des Klybecks einen wunden Punkt.

Recht auf ein Stück Basel

Ritter und die Aktivisten des Zack trennt einiges, doch es gibt auch Gemeinsamkeiten. Für ihn ist klar: Fremdes Eigentum in Besitz zu nehmen, ist nichts per se Schlechtes. «Der französische Philosoph Henri Lefebvre spricht vom Recht auf Stadt. Das bedeutet: Die Stadt muss ihren Bewohnern Räume geben, in denen sie leben, in denen sie sich entfalten können.»

Wer einmal die Räume des Zack durchstreift hat, wird den Gedanken Ritters nachvollziehen können. Grosse, ungenutzte Hallen, in denen etwas geschaffen werden kann, die mit Leben erfüllt werden können: Das hat etwas Kreatives, beinahe etwas Künstlerisches.

Ein Leerstand entwickle immer eine «Sogkraft» – und «Eroberungsgelüste», sagt Ritter. «Eine Besetzung – oder ganz generell ziviler Ungehorsam – entspricht vielleicht nicht immer dem Gesetz. Aber manchmal hat er eben eine Legitimität. Eine Stadt muss leben.»

Sie muss leben – aber auch all die Konflikte aus- und ertragen, die damit einhergehen. Es wird wohl wieder Aufruhr geben.

Suchen